Zeit der Nachbarn

ODER... ES WAR EINMAL

Kennen Sie das Märchen vom guten Nachbarn? Dieser eine, dem man immer wieder mal lächelnd im Treppenhaus begegnet. Der fragt, wie es einem geht? Der hilft, die Einkaufstüten hochzubringen. Der auch einfach mal anklopft und sich erkundigt, ohne nur Eier und Mehl schnorren zu wollen.

Falls nicht, ist hier exklusiv für Sie die Kurzvariante:

ES WAR EINAMAL DER "GUTE NACHBAR"

Es war einmal ein lauer Frühlingsabend im Hinterhof eines Hauses, mit herzlichen Nachbarn, der leisen Musik beiläufig lauschend, in gute Gespräche vertieft, als eine Sondersendung namens „Nachrichten“ die Musik unterbrach: „Liebe Zuhörer, ein unsichtbares Ungeheuer ist unter uns und versetzt alle in Angst und Schrecken. Es bedroht unser tägliches Leben und hält Einzug unbekannten Ausmaßes. Begeben Sie sich unverzüglich in Ihre eigenen 4 Wände zurück, halten Sie sich und andere vom Ungeheuer fern und öffnen Sie vorsorglich nur im Notfall die Tür, denn das unsichtbare Ungeheuer kann in jedem von uns stecken.“

Verwundert und erschüttert ließen die Nachbarn alle Corona-Flaschen stehen und liegen und eilten zurück in ihre Wohnungen. So verging Tag um Tag, Woche um Woche, in denen sich der Kühlschrank des 80-Jährigen leerte und leerte, die Kinder der Schule fern bleiben mussten, die Eltern zu Home-Office-Arbeitsbienen und Lehrern wurden und bei allen die Frustration ins Unermessliche stieg, als es dann plötzlich an der Tür klingelte.

Und da stand er: der gute Nachbar.
Und die Frustration wich einem Lächeln, als die Frage „Kann ich Ihnen etwas Gutes tun?“ ertönte. Und der gute Nachbar half dem 80-Jährigen mit den Einkäufen, holte die notwendigen Medikamente aus der Apotheke, übernahm für eine Skype Märchenstunde die Kinderbetreuung, gab die notwendige Mathe-Nachhilfe und entlastete die überforderten Eltern, die im Home-Office gefangen waren.

Und so geschah es, dass es immer mehr und mehr gute Nachbarn gab. Menschen, die sich um das Wohl ihrer Nächsten sorgten, die Menschen nebenan. Und so kam es, dass auf einmal die Person hinter der nächsten Tür kein Fremder mehr war, sondern ein Freund und mehr als nur einfach ein Nachbar.

Die Menschen stellten fest, dass die Kraft des Ungeheuers jeden Tag ein Stückchen mehr schwand und letztendlich wurde das Ungeheuer auch besiegt. Was aber die Menschen in der Zeit der Schreckensherrschaft für sich entdeckt hatten, blieb ihnen ein Leben lang. Das Gefühl und die Sicherheit, dass sich hinter der Tür nebenan ein wunderbarer Mensch verbirgt, auf den man immer zählen und auf den man sich verlassen kann. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…

Neben jedem von uns wohnt ein guter Nachbar und jeder von uns kann zum Hauptdarsteller einer guten Nachbarschaft werden. Wir freuen uns schon jetzt, dieses Happy End mit Ihnen und Ihren Nachbarn gemeinsam feiern zu dürfen. Bleiben Sie bis dahin gesund und optimistisch!
Und klingeln Sie mal an der Tür nebenan…

Ilja Malinow

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